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»Morgen geht's uns gut!«

Peter Kamber

oder: Warum die Operette den Untergang der

Fritz und Alfred Rotter gehoerten zu den bekanntesten, aber auch am meisten angefeindeten Berliner Theaterdirektoren der Weimarer Republik.
Der Theaterkritiker des „Berliner Boersen-Couriers“, Herbert Ihering warf ihnen 1921 vor „den Gemuetsspeck auch nach Berlin geschmuggelt“ zu haben. 1924 sah er im „Anschwellen der Rotterbuehnen“ ein „Symptom“, eine „Gefahr“, ja gar, woertlich „Verhaengnis“. Ende der Zwanziger Jahre begannen sie, Operetten zu inszenieren und feierten einige Jahre lang grosse Triumphe, u.a. mit „Land des Laechelns“, ueber das Ihering mit Lob schrieb, das er aber nicht als Lob verstand: „Alfred und Fritz Rotter kennen die Zeit. Sie sind Geschichte. Sie sind ‚unueberwindlich'. (...) Die Rotters: die Zeit. Die Zeit: der Tonfilm. (...) Wer ahnen will, as langsam heranschleicht, gehe ins ‚Land des Laechelns' (...): das wahre ‚Zeittheater'.“ Die uebertragung des vom Film bekannten „Starsystems“ auf das Theater machte die Operetten zum oeffentlichen Gespraech. An den glitzernden Premierenfeiern zeigten sich selbst die Groessen der Politik. Durch misslungene Boersengeschaefte hatten sie bereits in den guten Jahren Schulden angehaeuft, besassen aber drei Theater (die es heute alle nicht mehr gibt), darunter das Lessing-Theater (ganz in der Naehe des jetzigen Hauptbahnhofs). Mit viel Glueck schienen sie die Weltwirtschaftskrise zu ueberstehen, doch in der Silvesternacht 1932/1933 verliess sie dieses Glueck. Der Leiter der Theaterkarten-Vertriebsorganisation „Gesellschaft der Funkfreunde“ Hentschke, bei dem sie sich verschuldet hatten – und der spaeter unter Goebbels Karriere machte –, entzog Fritz und Alfred Rotter ueberraschend die Unterstuetzung. Dies ausgerechnet einige Tage nach der vielleicht erfolgreichsten Urauffuehrung, der von Alfred Rotter inszenierten Operette „Ball im Savoy“ des Komponisten Paul Abraham. Hentschke zwang die Gebrueder Rotter, saemtliche Einnahmen des Zugstuecks an ihn abzutreten. Die Operette spielte danach noch wochenlang vor ausverkauftem Haus. Die Gebrueder Rotter wurden in Leipzig geboren, Alfred Rotter am 14. November 1886 und Fritz Rotter am 3. September 1888. Ihr Familienname war Schaie; Rotter wurde ihr Kuenstlername. Mit den ein- und dreijaehrigen Soehnen war die Familie Schaie bereits 1889 von Leipzig nach Berlin gezogen, wo die beiden Schwestern Lucie (1892) und Ella (1894) geboren wurden. Auf ihrem Hoehepunkt betrieben die Gebrueder Rotter in Berlin ueber ein halbes Dutzend private, nicht-subventionierte Buehnen. Als der genannte Hentschke und andere Gegenspieler sie im Januar 1933 in Bedraengnis brachten, schrieb die BZ am Mittag (16.1.1933), es gehe „um das Sein oder Nichtsein des groessten Theater-Konzern nicht nur Berlins, nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas“. Alfred Rotter befand sich nach einem Nervenzusammenbruch bereits seit Anfang Januar 1933 in der Schweiz zur Erholung. Fritz Rotter uebergab nach vergeblichem Bemuehen um eine Auffanggesellschaft seinem Anwalt eine Vollmacht und verliess Berlin ebenfalls. Zuflucht suchten sie in Liechtenstein. Da hatten sie sich bereits im Herbst 1931 – nach dem Ku'damm-Krawall der SA – insgeheim die Liechtensteinische Staatsbuergerschaft gesichert. Mit Beginn der NS-Herrschaft begann eine beispiellose Kampagne gegen sie – und am 5. April 1933 versuchten liechtensteinische und deutsche Nazis sie zu entfuehren, mitten in der Hetz-Atmosphaere nach dem Boykott-Tag vom 1. April 1933. Die Taeter lockten Fritz und Alfred Rotter sowie dessen Frau Gertrud Rotter-Leers oberhalb von Vaduz auf der Alp Gaflei in einen Hinterhalt. Alfred Rotter und seiner Frau Gertud gelang es, sich den Entfuehrern zu erwehren, doch auf der Flucht stuerzten sie in Panik in einem abfallenden Gebirgswald ueber eine Feldwand in den Tod. Fritz Rotter warf sich aus dem Wagen eines der Entfuehrer, brach sich die Achsel und rettete sich danach ins Exil in Frankreich, wo er am 7. Oktober 1939 verarmt – und wegen eines ungedeckten Checks zu Gefaengnis verurteilt – im elsaessischen Colmar starb. Fritz Rotter ist nicht identisch mit dem in Wien geborenen Liedertexter, Schriftsteller und Komponisten Fritz Rotter (u.a. „Ich kuesse Ihre Hand, Madame“). Und 1948 trat ein dritter Fritz Rotter auf, der sich als der verschollene Theaterdirektor Fritz Rotter ausgab. Diese seltsame Geschichte bildet den Epilog der Biografie.